Le radeau de la Méduse

18/10/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Bevor das Vergessen eintritt oder der Nebel endgültig durch Fenster und Augen gedrungen ist, rette ich noch schnell mein Floß.

Le radeau de la Méduse (Das Floß der Medusa), ein Gemälde von Théodore Géricault aus dem Jahr 1819, schaukelt mir seit Samstagnacht im Kopf herum. Aber eigentlich habe ich es gesehen. Es war schon da, als ich gegen 4 Uhr ins New Dreams kam und den Boden betrachtete, denn der Boden war anders als im Carré de la République oder im La Lune des Pirates. Im Carré und im La Lune hätte man bei musikloser Stille die stampfenden Schritte der tanzenden Gäste platschen hören können – bei der Menge an Bier, die auf den dunklen Teppichböden landete und nach kurzer Fleckenerscheinung verschwand.  Im New Dreams nicht. Im New Dreams gibt es schwarzen Laminatboden, oder etwas in der Art, und man kann die Bierpfützen auch Stunden nach den petits malheurs noch sehen – und spüren. Das Bier klebt an den Füßen derer, die ekstatisch tanzen. Nach reiflicher Überlegung und Beobachtung kam ich in der Nacht zum Sonntag zu dem Schluss, dass der Boden eine Frage des Klientels und der Musikausrichtung der Clubs sei – die das Klientel natürlich wieder inkludiert. Demnach also lediglich eine Frage der Musik und den damit verbundenen Werte-/Welt-/Kulturvorstellungen (groß! Nächste Challenge für mich: In Clubs IMMER den Boden analysieren und pro Stadt [?] auswerten). Der harte Laminatboden gehörte zur Elektro-Fraktion. Meine Begleitung hatte das wunderschöne und einzig treffende Wort gefunden für das, was im New Dreams über die Boxen in den Raum dröhnte: Auf-die-Fresse-Elektro.

Auf-die-Fresse-Elektro mit Diskokugel und Security auf der Bühne (im Bild rechts). Foto von mir.

Auf-die-Fresse-Elektro mit Diskokugel und Security auf der Bühne (im Bild rechts). Foto von mir.

Während DJ Stéveun eine filmreife Imitation von Paul Kalkbrenner ablieferte, wuppte (ein besseres Wort habe ich jetzt nicht gefunden) ein Pulk aus jungen Menschen – jünger als irgendjemand hier – auf einem Podest vor dem DJ auf und ab, vor und zurück. Dass niemand fiel, finde ich jetzt noch bemerkenswert. Sie stachen mit den Köpfen und den Fingern in die Luft, animierten das unter sich zuckelnde Menschengelage und schrien Dinge ohne Ton. Wie Ertrinkende ohne das Bewusstsein eines Ertrinkenden. Wie die Sterbenden auf dem Floß der Medusa, nur ohne die geschichtliche Intension, das wäre jetzt zu weit gegriffen und vielleicht zu pauschal. Überall anders sieht es ja genauso aus beim Tanzen und Betrinken und Zuckeln und Schreien.

Servicetweet: Die nuit blanche in Amiens – innerhalb dieser Veranstaltung die Clubs geöffnet hatten – ist ein schönes Event, das man besuchen sollte, wenn man im Oktober in der Picardie unterwegs ist. Neben der Möglichkeit, ausgiebig zu tanzen, gibt es bis spät in die Nacht jede Menge (Licht-)Kunst, Performances und Musik im öffentlichen Raum.

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Note olfactive

14/10/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Wohnheimabend – quasi-olfaktorische Notizen und sowas wie eine Zusammenfassung.

Im Eingangsfoyer geht gegen 21h30 der Alarm los, der Nachtwächter verlässt seinen Platz hinter der Sekretariats-Scheibe, geht – etwas leicht gebückt, als verberge er den Ansatz eines Hexenbuckels – durch eine Tür, kommt zurück und setzt sich wieder auf seinen Platz hinter der Sekretariats-Scheibe. Der Alarm ist noch immer an. Im Foyer befinden sich acht weitere Menschen. Zwei halten sich die Ohren zu, die restlichen sechs lehnen sich über die Sekretariatstheke, um mit dem Nachtwächter die Zeit zu vertreiben oder fragen sich gegenseitig nach Zigaretten oder Feuer. Ich bin kurz unsicher, ob ich meine nasse Wäsche nun in den Trockner stecken oder lieber mit den Klamotten abhauen soll. Dann denke ich mir: Es kommt, wie’s kommt und schalte den Trockner ein.

Jemand hat etwas mit viel Ziegenkäse zubereitet und davor, dabei oder danach seine Schuhe ausgezogen – der Geruch zieht durch den Gang in meinem Stockwerk.

Meine Zimmernachbarin mag offensichtlich Kerzen, die nach Wohnungsbrand riechen.

Später packe ich meine Wäsche. Die Raucher stehen jetzt vor der Tür, der Nachtwächter hat keinen Besuch mehr. Die Wäsche ist warm. Das war’s.

[Und in den nächsten Tagen: DIE Partylocation-Wo-steppen-die-Franzosen-in-Amiens-Zusammenfassung vom Wochenende]

Un rêve

10/10/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

…und dann gehe ich zum Coiffeur – denn in Frankreich heißen die noch so – und sage Bonjour monsieur, ich dachte da an eine Typveränderung. Bitte machen Sie aus mir Françoise Hardy. Aber bitte die Françoise aus dem Jahr 1962, keine andere.

Und der Coiffeur schaut mich an, streicht sich über seine Halbglatze, dann über seinen weißen Kittel (der Salon ist leer, das Leder der Stühle gerissen, draußen gehen Menschen vorbei, die keine Typveränderung wollen; es liegt diese Coen-Brüder-Atmosphäre in der Luft) und sagt: Ouioui, pourquoi pas?

(und für die Leser aus Deutschland, die gemafreie Version:

http://www.youtube.com/watch?v=VXg9Gbjx3IY )

Le brouillard

07/10/2013 § 2 Kommentare

Englische Verhältnisse in Nordfrankreich. Foto von mir.

Die Straße vor Augen kaum. Nebel in Amiens Sud am Montagmorgen. Foto von mir.

Von hinten arbeitet sich die Sonne hervor, ich sitze auf der Nebelseite des Wohnheimes. Was mir die Abendsonne, ist mir auch der Nebel. Wie ein Fisch im Ozean, vielleicht auch nur ein Meer. Im Nebel ist es wie im Wald – die Begriffe hat das Märchen gepachtet. Der Nebel wird sich nicht lichten, denn der Nebel ist mein Konstrukt. Alles werde ich niederschreiben, wenn ich zurückgekehrt bin.

Millefeuilles

06/10/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

…jetzt aber mal ehrlich: Wir wollen doch alle Kontrabassspieler werden.

Im Park essen wir von den Schichten des französischen Systems. Wir haben Pâté und werfen Kastanien, denn entweder sammelt man Kastanien, um kein Rheuma zu bekommen (der Leipziger) oder man wirft sie in Brunnen (die Augsburgerin), an denen Kinder stehen und junge Väter den Überblick verlieren (à la: Ist das jetzt cool oder sollte ich mir Sorgen um mein Kind machen, das jetzt plötzlich auch Kastanien sammeln will, stattdessen aber in einen Hundehaufen gegriffen hat?).

Der Leipziger sagt preiswert, ich bin da eher die billige Type. Das ist Ausbildung, sagt er und vielleicht sollte ich das auch mal versuchen: meine Welt mit bunten Wörtern schmücken. Obwohl ich ja mehr zu den Herbsttönen tendiere. Die heute – im übrigen – wunderbar leuchteten auf den Innenstadtstraßen von Amiens. Wo sich Händler an Händler drängten und aus den Lautsprechern der Stadtverwaltung erst 80er Jahre Discosound, später Motörhead, Red Hot Chili Peppers und Iggy Pop über den Passanten hinwegtönten – denn heute war Grande Réderie, heute war Trödelmarkt. Der größte in der Picardie.

Beim Chai Latté (Du Hipster* – der Mainzer) treffen wir auf Einkäufer aus Bristol, die mit ihrer umfunktionierten, fahrbaren Mülltonne in Lille und Amiens auf Topf- und Möbelfang gehen. Das weckt Besitzansprüche in mir.  Am liebsten möchte ich hier ein Haus mieten, eines dieser Reihenhäuser mit den schmalen Eingangstüren, und es einrichten mit französischem Schick und Pathos.

Ausbeute eines Flohmarkt-Wochenendes: Neben Brille und Portemonnaie Gay-Lussac, Sagan, Barbery, irgendwas Russisches und Platon. Foto von mir.

Ausbeute eines Flohmarkt-Wochenendes: Neben Brille, Portemonnaie und lachender Kuh: Gay-Lussac, Sagan, Barbery, irgendwas Russisches und Platon. Foto von mir.

*BTW scheint hier alles Hipster zu sein, was nicht Franzose und über 21 ist. Denn auf dem Campus und im Wohnheim ist das ein bisschen wie in Highschool Musical. Nur mehr so im Lacoste-Stil.

Ici et là

02/10/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich und meine Hausarbeit, ich und meine Hausarbeit, meine Hausarbeit und ich. Buch auf Laptop gefallen, A kaputt. Jetzt strengt das Schreiben auch noch körperlich an. Kein Neuanfang und Zeit rennt weg.

Auf den Straßen die Tauben, in den Parks die Krähen, in den Ecken gackernde Elstern. Vogelstadt, das ist Paris. Sie folgen den Joggern und diskutieren mit den Parisern auf den hellgrünen Stühlen in den jardins. Heiße Luft kommt von unten und S.D.F.ler (sans domicile fixe) von der Seite. Sie begleiten uns über Straßenzüge hinweg, mit ausgestreckter Hand. Am Ende ihres Viertels machen sie kehrt. Das ist nicht wie in Amiens, da gibt es die fünf ausgestellten Armen und das war’s. In Paris ist das anders. In Paris ist alles anders.

Philosophieren mit der Krähe im Jardin des Tuileries. Foto von mir.

Philosophieren mit der Krähe im Jardin des Tuileries. Foto von mir.

Ein starkes Gefühl der Sehnsucht – warum Amiens, warum nicht Paris? Wegen dem Geld? Wegen eingebildeter Großstadtangst (= Hang zur urbanen Hypochondrie)? Lächerlich, lächerlich von mir. Dieses Amiens mit seinen ausgedachten zones sensibles. Aber so ist das doch: Großstadt in der Käseglocke spielen wollen. Melancholische Gedanken in der Rue Mouffetard. Wir könnten hier leben. Wir können uns das vorstellen. Genervt an der Notre-Dame vorbeilaufen, weil der Platz mal wieder zugestellt wurde mit schrecklichen Tribünen und Touristen.  Den Weg zum Eiffelturm nicht kennen wollen, wenn uns ein Tourist anspricht – denn wir leben hier, das ist was anderes. In den jardins sein. Metro fahren. Die kleinen Straßen für uns haben – und in so viele Museen und Theater gehen, in so vielen Bistros Le Monde lesen und so viele petit déjeuners essen, bis wir diesen Habitus kultivierter Pariser in uns aufgenommen haben, die der „normalen“ Welt – der Welt der streunenden Touristen – überdrüssig geworden sind.

Joggende Krähe im Jardin des Tuileries. Foto von mir.

Joggende Krähe im Jardin des Tuileries. Foto von mir.

Stattdessen besuche ich Sprachkurse in einer Region, wo die Einheimischen die Wörter essen (ils mangent les mots, n’est pas?) und dann verschlucken. Ich sitze zwischen Rollenspielen – tu viens d’où? – und einem Dozenten, der sich nicht vorstellen kann, dass man Frankreich (nicht der Landesname, sondern die Regionen, Traditionen, Spezifisches) nicht kennen könnte.

Hier und da – für die Franzosen macht das keinen Unterschied, das sagt der Dozent. Tu es ici ou tu es là? Das ist ein gleiches. Man müsste es überprüfen. Soweit bin ich aber noch nicht.

Wo bin ich?

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