C’est Amiens

12/03/2014 § Hinterlasse einen Kommentar

…sogar in Amiens hat man jetzt ein ‚Happy‘-Video gedreht:

 

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Époque de Noël

25/11/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Australien ist da. Australische Flaggen verkleiden die Innenstadt, Menschen in blauen Uniformen und auf hohen Rössern begleiten eine australische Sonntagsparade. Wir kommen zum Schluss. Der Weihnachtsmarkt (Marché de Noël) hat – neben einem Großaufgebot an blinkenden Lichterketten in allen Formen und Farben – also auch ein Motto. Aus den öffentlichen Lautsprechern tönen amerikanische Christmashits (am beliebtesten: Jingle Bell Rock von Bobby Helms). Ein wenig befremdlich ist das schon, denn manchmal geht die Musik im Stimmengewirr der Menschen, die durch die Straßen eilen/trotten/stampfen, unter und dann biegt man in die nächste Straße ein und ist plötzlich allein mit sich und den Häusern – und dem rockenden Bobby Helms.

Luchs im Schnee hinter Glasscheiben. Foto von mir.

Luchs im Schnee hinter Glasscheiben. Foto von mir.

Die roten chalets (Stände) ziehen sich durch die gesamte Einkaufspassage. Am Bahnhof eröffnet ein Riesenrad (das ziemlich klein ausfällt neben dem Tour Perret [104m]) für die Bahnreisenden den Weihnachtsmarkt. Es steht zwischen zwei Häuserreihen mitten auf dem Startpunkt des Fußgängerweges, der in die Innenstadt führt. Das Riesenrad wirkt deplatziert. Es versperrt die Sicht auf Kriegsdenkmäler und Schnellimbisse. Eine Fahrt kostet 4 Euro. Man würde den Bahnhof sehen können, von halb oben oder die Einkaufspassage bis zum Maison de la Culture und ein bisschen was von der Kathedrale. Sollte man sich gerade nicht auf dem Zenit des Rades befinden, so könnte man rechts und links aus der Gondel schauen, dann sähe man die Hauptstraße, die nachts wildblau blinkt (Richtung Hortillonages) oder im Dunkeln verschwindet (Richtung Cirque du Jules Verne). Oder man sähe in die Zimmer des Hotels neben dem Riesenrad, in die Büros der Bankberater der Caisse d’Epargne oder in die ersten Etagen des Tour Perret. Aber auch nur bis 19h30. Dann schließt der Marché de Noël seine chalets und sein Riesenrad.

Riesenrad tagsüber. Foto von mir.

Riesenrad tagsüber. Foto von mir.

Im Centre Commercial Sud grassiert die Weihnachtsmanie. Schneekugeln in Neonfarben sind in. Die Spielwarenabteilung ist in Filles, Garçons und Music unterteilt. Auf der einen Seite beugen sich Eltern über Feuerwehrwagen und streiten über Preise, auf der anderen Seite sitzen die Söhne auf dem Boden und ziehen mit großen Augen Dinosaurier, Plastikgewehre und Bagger aus den Regalen. In der rosafarbenen Abteilung gehen Mütter mit ihren Töchtern einträchtig von Kinderwagen zu Miniküchen.

In der Wurstwarenecke höre ich deutsche Schlager. Ein bisschen Spaß muss sein und Über den Wolken. Ich folge der Musik und lande vor einem Sauerkraut-Stand. Dahinter steht ein Mann, der wohl Metzger gelernt hat und unglücklich auf seine riesige Wokpfanne mit Sauerkraut und Würstchen starrt. Ein Mädchen mit einem ziehbaren Plastikeinkaufskorb läuft an mir vorbei. Sie hat eine Flasche Jack Daniels im Körbchen liegen, und Kinderriegel.

Weihnachtsbeleuchtung Riesenrad. Foto von mir.

Weihnachtsbeleuchtung Riesenrad. Foto von mir.

Am Abend sehe ich mir die zwei neuen Teile der „Heimat“-Reihe von Edgar Reitz an. Ein radikales Runterbrechen ins Graue. Im Kino sitzen ein paar Deutsche, die sich über den hunsrück’schen Dialekt mit französischer Einfärbung freuen (Jetzt mach mo kee Fissimatente hie! / Ei der wohnt do visavis / Isch heeße Liberté). Insgeheim freue ich mich auch. Darüber und über den holprigen französischen Untertitel. Ein älterer Mann in der Reihe vor mir kann das nicht nachvollziehen, er schnarcht. In der Nacht gehe ich zum Bus. Bobby ist verstummt, die Lichter gehören mir.

Edit: Habe in einer früheren Version Australien mit Kanada verwechselt. Das kommt bestimmt öfter vor. Vor allem, wenn es auf dem australischen Motto-Weihnachtsmarkt einen kanadischen Stand gibt, der Ahornsirup am Stiel verkauft.

Le meilleur

16/11/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Das beste (le meilleur): Bei klarer Novemberluft, zwischen zwei Regenschauern (am Tag davor und am Tag danach), oder zwischen zwei Kinogängen (festival du film), vor der Kathedrale sitzen, einen Apfel essen oder ein Baguette mit getrockneten Tomaten und Fetakäse. Dabei deutsche Touristen beobachten, die erst vor der Kathedrale für ein Foto posieren und danach den Bau bewundern. Die Mutter ruft: Kann man da auch rein? Die Tochter – den Stadtplan in der Hand haltend – hebt die Schultern. Neben der offenen Kirchentür befindet sich die Kathedralenboutique. Sie gehen zurerst in die Boutique, danach stehen sie lange vor der offenen Tür.

Zwischen auf alt getrimmten Neubauten: die Notre-Dame d'Amiens. Foto von mir.

Zwischen nachempfundenen Alt-Neubauten: die Notre-Dame d’Amiens. Foto von mir.

Ein Mann läuft an der Kathedrale vorbei. Er geht fest und schnell. Er trägt schwarze Turnschuhe, eine dunkle Jeans, eine Bomberjacke und keine Haare. Er ist schmal und redet mit sich selbst. Die Worte hallen über den Platz. Ich höre connards und aucune idée und putain de bordel de merde. Tout est foutu!, will ich ihm zurufen. Alles ist im Eimer. Der Satz gehört zu meinem vocabulaire ridicule. Ein Mann mit einer teuren Kamera und einer teuren Hose sieht mich an. Ich rufe nichts.

Im Kino kennen sich alle. Es sind 20 Leute gekommen, die meisten Freunde und Bekannte der beiden Regisseure, die ihre Filme (ein mittellanger Film und ein Kurzfilm) zum ersten Mal vor Publikum und innerhalb des Festivals in der Kategorie Regards Picards präsentieren. Ich sitze neben dem Hauptdarsteller des ersten Filmes und neben seinen Homies. Im Film sieht er kleiner aus als er in Wirklichkeit ist (= ein Hüne). Ich dachte, das ginge nur umgekehrt. Der Hüne lädt alle zur Preisverleihung am Abend ein, die Regisseurin des Kurzfilms (Frau heiratet Gefängnisinsassen, komödiantisch) lacht unkontrolliert, sie trägt Mokassins und läuft dem Regisseur des mittellangen Films, der mit seiner tournage die Probleme in den banlieues der Picardie darstellen wollte, nach der séance hinterher. Ich schaue mir Le Grand Kilapy (Angola/ Portugal/Brasilien, 2012) an.

Auf dem Rückweg wirkt die Kathedrale luizid. Der Mond ist rund. Wie immer, wenn ich hier in den Himmel schaue.

Après le jour férié

12/11/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Nach dem Feiertag ist vor dem Feiertag.

Nachdem gestern, am 11. November 2013 (Armistice – Gedenktag zum Ende des Ersten Weltkrieges), so ziemlich alles geschlossen hatte, was man nur schließen kann und französische Flaggen überall da hingen, wo man nur hinsehen konnte (sogar auf den Mützen der Männer, die ihre Feiertagsspaziergänge mit ihren Terriern unternahmen), haben sich einige Einwohner von Amiens am heutigen Tag wohl extra freigenommen, um ihre leeren Kühlschränke und Vorratsschränke – die sie als solche wohl nicht benutzen – aufzufüllen, nachdem sie bereits Freitag einen ganzen Tag benötigten, um alles für das Feiertagswochenende einzukaufen.

Im großen supermarché gegenüber des Wohnheimes ging es demnach zu wie auf der New Yorker Börse. Also die New Yorker Börse, die Hollywood in seinen 90er-Jahre-Familien-Filmen – wie Aus dem Dschungel, in den Dschungel (Original: Jungle 2 Jungle, USA 1997) mit Tim Allen – dem Publikum suggerierte. Füße, Knie, Ellbogen und diverse Taschen hatte ich am Schienbein, am Oberschenkel, am Unterarm, im Gesicht. Zwischen Menschen, die Berge von Klopapierrollen, Badreinigern und Steak hachés in ihre Wagen packten, hielt ich mein Brot tapfer umklammert. Viele kauften mit der ganzen Familie ein, viele hielten den Prospekt der aktuellen Woche in den Händen, der – ausgebreitet – genauso groß war wie die Einkaufswagen lang. Auch habe ich gelernt: Um Baguettes kann man sich streiten. Der Courrier Picard titelte mit einem Bombenfund irgendwo in der Region, interessiert hat es die wenigsten. Zum ersten Mal schien es mir die Kassiererin auch übel genommen zu haben, dass ich in bar (en espèce) zahlte. Dafür war im Spielzeugbereich wenig los. Seit Wochen existiert hinter den Kassen eine Weihnachtsbaracke. In dieser Baracke – deren Mitte ein künstlicher, silbern leuchtender Baum schmückt – gibt es Spielzeugwaffen, lebensgroße Barbiepuppen und diverse Brettspiele für jedes Alter. Entweder zerren Kinder ihre Eltern nach oder vor dem Einkauf in dieses rosa-blau-silbern-strahlende, rechteckig-terminierte Weihnachtsirgendwas hinein oder erwachsene Menschen ziehen einsam und ratlos durch die Gänge (vorwiegend Männer mittleren Alters). Gekauft wird immer.

In der Innenstadt ist die Weihnachtsbeleuchtung auch schon komplett. Nur eingeschaltet wird sie noch nicht. Das ist abends sehr schön. Wie verklumpte Spinnweben ziehen sich die Lichterketten durch die Stadt. Wäre nicht alles so sauber, es hätte einen verruchten Charme.

Le pré humide et le trottoir

10/11/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Assoziative Notizen:

Nach einer Woche Regen scheint die Sonne (an einem Sonntag – konsequent, die Picardie). Zur Feier des Tages gönne ich mir ein weichgekochtes Ei zu Beatles-Remastered-Musik. Ich glaube, Bussarde am blendend-blitzenden Himmel zu sehen. Oder sehr große Fledermäuse. Die Erde ist flach und bald tragen die Bäume keine Blätter mehr. Naturdichter verstehe ich immer noch nicht, aber mittlerweile kann ich ihre Faszination für Landschaften, Winde und Wolkenformationen nachvollziehen.

Die Logistik-Pläne der Stadt Amiens verstehe ich ebenfalls nicht, es amüsiert mich aber jedes Mal aufs Neue, wenn irgendwo – scheinbar willkürlich – ein Straßenabschnitt oder ein Loch ins Trottoir gebohrt wird, obwohl es keine sichtbaren Makel gibt. Die Baustellen bestehen meist eine Woche, dann sieht alles aus wie vorher. Selbst Unebenheiten bleiben bestehen. Folgt man dem Busweg zum Campus, landet man plötzlich im Gras. Das Trottoir hört einfach auf zu existieren, es geht nahtlos über in feuchte Wiese (le pré humide), die viel zu perfekt und viel zu grün ist, als dass sie natürlich gewachsen sein kann. Auf dieser Wiese gibt es eine Bushaltestelle und ein Zebrastreifen schlängelt sich aus der Wiese hinaus auf die Straße. Ein paar Meter weiter rechts entsteht ein Neubaugebiet hinter einem Quick Restaurant mit einem scifi-portalhaften Drive-in und vor leerstehenden Studentenwohnheimen der alten Résidence du Bailly, die eins zu eins einige Meter weiter wieder aufgebaut wurden. Die verwaisten Gebäude haben zerstörte Fenster, Graffiti und Einschusslöcher im Inneren. Bauzäune riegeln den Zugang ab, man kommt trotzdem rein. Alle paar Wochen ist die Feuerwehr da. Ob zur Übung oder zum Einsatz – ich kann es nicht sagen. Irgendjemand hat das Gerücht in die Welt gesetzt, es gäbe ab und an illegale Studentenpartys in den sicherlich asbest-getränkten Anlagen, bislang habe ich aber nur Schatten von verfilzt aussehenden Männern gesehen. Gestern Nacht hörte ich Reste von Techno-Musik. Es könnte aber auch aus dem bewohnten Gebäude nebendran gekommen sein.

Samstagsnachts ist in der Gegend um den Campus und den Studentenwohnheimen niemand auf der Straße. Die einheimischen Studenten sind bei ihren Familien, die ausländischen Studenten sind in der Stadt (mit 80%iger Wahrscheinlichkeit in der Baobar unterhalb der Kathedrale) oder halten sich in den Foyers ihrer Wohnheime auf, waschen Wäsche oder quetschen sich zu fünft oder zu sechst in ihre 9-Quadratmeter-Zimmer. Nur zum Rauchen gehen sie vor die Tür.

Der Mainzer erzählt, eine Französin habe ihm versichert, Amiens sei eine der teuersten Städte in Frankreich. Wenn wir ausgehen, nippen wir an unseren 5€-Bieren, meistens belgischen Ursprungs.

Ausstellungseröffnung zum Filmfestival im Maison de la Culture mit Elektro-DJ, Stars und Wein.

Ausstellungseröffnung während des Filmfestivals im Maison de la Culture mit Elektro-DJ, Bidern von Filmstars und Wein. Foto von mir.

Zur Zeit findet das 33. Festival du Film d’Amiens statt. Neben den Wettbewerbsfilmen (Lang-, Mittellang- und Kurzfilme) gibt es eine Woche lang jede Menge Retrospektiven (bisher gesehen: Wild Boys of the Road (USA, 1933) und Outsiders (USA, 1983)). Im Maison de la Culture, dem Festivalzentrum, fühle ich mich zu Hause. An der Theke steht ein Festivalmitarbeiter mit Glatze, spitzer Nase, weißem Russenbart und ärmellosem Shirt. Er wird von einer blauen Neonlichterkette gerahmt, die ober- und unterhalb der Theke angebracht ist. Links hinter ihm wärmt eine Tischlampe mit breitem Lampenschirm sein Gesicht, rechts hinter ihm lächelt Morgen Freeman auf einem Poster. Er hat Sirup da und mischt ihn mit Soda. Es sprudelt. Ich trinke gerne. In den roten Sofas um die Theke herum kann man für Stunden versinken und diesen wunderbaren cinéphilen Menschen, die so sehr meiner Vorstellung von Pariser Intellektuellentum und vornehmer Lässigkeit entsprechen, zusehen und zuhören. Neben den Toiletten, in denen zwei Mädchen Bonsoir und Bonne soirée wünschen, stehen englischsprechende Frauen. Sie tragen weite Leinenkleider und gestickte Schals und reden über die Filmsprache von Francis Coppola. Ich mag sie. Ich mag den Ort, das Festival, das entspannter nicht vonstatten gehen könnte, ich mag es, dass während der Filmvorführung der Film reißt und alle anwesenden Mitarbeiter des Festivals zum Filmvorführer laufen. Nicht rennen, on a du temps. Während wir warten, werden Fotos gemacht. Und danach gibt es einen vin rouge. Ich mag das, ich könnte mich reinlegen in diese Atmosphäre, zwischen diese Menschen, denen man ansieht, dass sie Filme ernst nehmen, dass sie Denker sind und Diskutierer. Am Ende verpasse ich den Bus und laufe über Trottoirs, die zu Wiesen werden. Aber das ist ja auch schon sehr filmisch.

Le radeau de la Méduse

18/10/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Bevor das Vergessen eintritt oder der Nebel endgültig durch Fenster und Augen gedrungen ist, rette ich noch schnell mein Floß.

Le radeau de la Méduse (Das Floß der Medusa), ein Gemälde von Théodore Géricault aus dem Jahr 1819, schaukelt mir seit Samstagnacht im Kopf herum. Aber eigentlich habe ich es gesehen. Es war schon da, als ich gegen 4 Uhr ins New Dreams kam und den Boden betrachtete, denn der Boden war anders als im Carré de la République oder im La Lune des Pirates. Im Carré und im La Lune hätte man bei musikloser Stille die stampfenden Schritte der tanzenden Gäste platschen hören können – bei der Menge an Bier, die auf den dunklen Teppichböden landete und nach kurzer Fleckenerscheinung verschwand.  Im New Dreams nicht. Im New Dreams gibt es schwarzen Laminatboden, oder etwas in der Art, und man kann die Bierpfützen auch Stunden nach den petits malheurs noch sehen – und spüren. Das Bier klebt an den Füßen derer, die ekstatisch tanzen. Nach reiflicher Überlegung und Beobachtung kam ich in der Nacht zum Sonntag zu dem Schluss, dass der Boden eine Frage des Klientels und der Musikausrichtung der Clubs sei – die das Klientel natürlich wieder inkludiert. Demnach also lediglich eine Frage der Musik und den damit verbundenen Werte-/Welt-/Kulturvorstellungen (groß! Nächste Challenge für mich: In Clubs IMMER den Boden analysieren und pro Stadt [?] auswerten). Der harte Laminatboden gehörte zur Elektro-Fraktion. Meine Begleitung hatte das wunderschöne und einzig treffende Wort gefunden für das, was im New Dreams über die Boxen in den Raum dröhnte: Auf-die-Fresse-Elektro.

Auf-die-Fresse-Elektro mit Diskokugel und Security auf der Bühne (im Bild rechts). Foto von mir.

Auf-die-Fresse-Elektro mit Diskokugel und Security auf der Bühne (im Bild rechts). Foto von mir.

Während DJ Stéveun eine filmreife Imitation von Paul Kalkbrenner ablieferte, wuppte (ein besseres Wort habe ich jetzt nicht gefunden) ein Pulk aus jungen Menschen – jünger als irgendjemand hier – auf einem Podest vor dem DJ auf und ab, vor und zurück. Dass niemand fiel, finde ich jetzt noch bemerkenswert. Sie stachen mit den Köpfen und den Fingern in die Luft, animierten das unter sich zuckelnde Menschengelage und schrien Dinge ohne Ton. Wie Ertrinkende ohne das Bewusstsein eines Ertrinkenden. Wie die Sterbenden auf dem Floß der Medusa, nur ohne die geschichtliche Intension, das wäre jetzt zu weit gegriffen und vielleicht zu pauschal. Überall anders sieht es ja genauso aus beim Tanzen und Betrinken und Zuckeln und Schreien.

Servicetweet: Die nuit blanche in Amiens – innerhalb dieser Veranstaltung die Clubs geöffnet hatten – ist ein schönes Event, das man besuchen sollte, wenn man im Oktober in der Picardie unterwegs ist. Neben der Möglichkeit, ausgiebig zu tanzen, gibt es bis spät in die Nacht jede Menge (Licht-)Kunst, Performances und Musik im öffentlichen Raum.

Millefeuilles

06/10/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

…jetzt aber mal ehrlich: Wir wollen doch alle Kontrabassspieler werden.

Im Park essen wir von den Schichten des französischen Systems. Wir haben Pâté und werfen Kastanien, denn entweder sammelt man Kastanien, um kein Rheuma zu bekommen (der Leipziger) oder man wirft sie in Brunnen (die Augsburgerin), an denen Kinder stehen und junge Väter den Überblick verlieren (à la: Ist das jetzt cool oder sollte ich mir Sorgen um mein Kind machen, das jetzt plötzlich auch Kastanien sammeln will, stattdessen aber in einen Hundehaufen gegriffen hat?).

Der Leipziger sagt preiswert, ich bin da eher die billige Type. Das ist Ausbildung, sagt er und vielleicht sollte ich das auch mal versuchen: meine Welt mit bunten Wörtern schmücken. Obwohl ich ja mehr zu den Herbsttönen tendiere. Die heute – im übrigen – wunderbar leuchteten auf den Innenstadtstraßen von Amiens. Wo sich Händler an Händler drängten und aus den Lautsprechern der Stadtverwaltung erst 80er Jahre Discosound, später Motörhead, Red Hot Chili Peppers und Iggy Pop über den Passanten hinwegtönten – denn heute war Grande Réderie, heute war Trödelmarkt. Der größte in der Picardie.

Beim Chai Latté (Du Hipster* – der Mainzer) treffen wir auf Einkäufer aus Bristol, die mit ihrer umfunktionierten, fahrbaren Mülltonne in Lille und Amiens auf Topf- und Möbelfang gehen. Das weckt Besitzansprüche in mir.  Am liebsten möchte ich hier ein Haus mieten, eines dieser Reihenhäuser mit den schmalen Eingangstüren, und es einrichten mit französischem Schick und Pathos.

Ausbeute eines Flohmarkt-Wochenendes: Neben Brille und Portemonnaie Gay-Lussac, Sagan, Barbery, irgendwas Russisches und Platon. Foto von mir.

Ausbeute eines Flohmarkt-Wochenendes: Neben Brille, Portemonnaie und lachender Kuh: Gay-Lussac, Sagan, Barbery, irgendwas Russisches und Platon. Foto von mir.

*BTW scheint hier alles Hipster zu sein, was nicht Franzose und über 21 ist. Denn auf dem Campus und im Wohnheim ist das ein bisschen wie in Highschool Musical. Nur mehr so im Lacoste-Stil.

Wo bin ich?

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