Note olfactive

14/10/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Wohnheimabend – quasi-olfaktorische Notizen und sowas wie eine Zusammenfassung.

Im Eingangsfoyer geht gegen 21h30 der Alarm los, der Nachtwächter verlässt seinen Platz hinter der Sekretariats-Scheibe, geht – etwas leicht gebückt, als verberge er den Ansatz eines Hexenbuckels – durch eine Tür, kommt zurück und setzt sich wieder auf seinen Platz hinter der Sekretariats-Scheibe. Der Alarm ist noch immer an. Im Foyer befinden sich acht weitere Menschen. Zwei halten sich die Ohren zu, die restlichen sechs lehnen sich über die Sekretariatstheke, um mit dem Nachtwächter die Zeit zu vertreiben oder fragen sich gegenseitig nach Zigaretten oder Feuer. Ich bin kurz unsicher, ob ich meine nasse Wäsche nun in den Trockner stecken oder lieber mit den Klamotten abhauen soll. Dann denke ich mir: Es kommt, wie’s kommt und schalte den Trockner ein.

Jemand hat etwas mit viel Ziegenkäse zubereitet und davor, dabei oder danach seine Schuhe ausgezogen – der Geruch zieht durch den Gang in meinem Stockwerk.

Meine Zimmernachbarin mag offensichtlich Kerzen, die nach Wohnungsbrand riechen.

Später packe ich meine Wäsche. Die Raucher stehen jetzt vor der Tür, der Nachtwächter hat keinen Besuch mehr. Die Wäsche ist warm. Das war’s.

[Und in den nächsten Tagen: DIE Partylocation-Wo-steppen-die-Franzosen-in-Amiens-Zusammenfassung vom Wochenende]

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Le système (Ex.2)

25/09/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Heute Nacht ist das Internet im Wohnheim ausgefallen. Nach einem kurzen Unruheanfall, habe ich mich schlafen gelegt. Das passiert in letzter Zeit häufiger, das Internetaus- oder wegfallen, manchmal ist es auch ein Stehenbleiben. Es passiert, genauer gesagt, regelmäßig, nämlich seit die Vorlesungen begonnen haben. Generell gegen 20 Uhr, manchmal auch früher. In den anderen Wohnheimen, die von ausländischen Studenten bewohnt werden können (das sind vier, insgesamt gibt es 20), ist es genauso.

In den Gemeinschaftsküchen von zwei Wohnheimen (zwei noch nicht gesehen oder noch nicht davon gehört) hängen Weltkarten mit Flaggenregistern an den Wänden. Da, wo die israelische Flagge abgebildet sein soll, kann man nur ein händisch ausgeschnittenes, weißes Rechteck sehen. Gestern waren ein Freund und ich in der Vorpremiere des Films Omar. Kurz dachten wir über die Möglichkeit nach, diese Geschichte auch aus der anderen Perspektive zu erzählen. Dann sahen wir das Publikum und wir schlossen den Gedanken sofort ein in uns.

Hinter diesem hässlichen Tag gibt es ein Cyborg-Rotkäppchen. Es war sehr schön. Jetzt ist es verschwunden. Foto von mir.

Hässliches Tag (Idiot!) und verschwundenes Mädchen. Foto von mir.

Am Anfang der Woche funktionierten die Lesegeräte für die aktivierten Studentenkarten an den Türen des Wohnheimes nicht mehr. Das ganze System war außer Kraft gesetzt. Nicht einmal in die Küchen kam man, außer der Hausmeister schloß sie mit dem Schlüssel auf. Heute funktionierte meine Karte nicht. In der elektronischen Liste der hier wohnenden Studierenden war ich nicht mehr aufgeführt. J’habite ici! Oui, mais vous êtes disparu.

Im Fahrstuhl sprach mich der Hausmeister an. Vous êtes Hollandaise? …Ou Allemande? Die Deutschen, die würde man ja Schlue [lautmalerisch] nennen. (Ich weiß nicht, wie es geschrieben wird oder was es bedeuten soll, habe das Wort nicht gefunden. Wenn es jemand weiß, kann er/sie es mir gerne mitteilen.) Dann erzählte er von seinem Cousin, der eine französische Mutter und einen deutschen Vater habe. Un enfant de guerre. Vor meiner Tür fiel ihm auf, dass er eigentlich in ein anderes Stockwerk wollte.

Einige Tage zuvor in Saint Lieu. Foto von mir.

Einige Tage zuvor in Saint Lieu. Foto von mir.

Trois

23/09/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Hase sitzt und wartet. Hinter der Absperrung rümpft er die Nase, das Tor zur Straße ist offen, sein persönliches Watership Down. Der Hase hat gespitzte Ohren und schaut zwischen Grashalmen hervor. Ich rede mit ihm, er bewegt sich nicht. Der Hase ist krank.

Am Busch vorne links, da sitzt der Hase. Aber bei anderem Wetter. Das ist ein Archivfoto. Von mir.

Am Busch vorne links, da sitzt der Hase. Aber bei anderem Wetter. Das ist ein Archivfoto. Von mir.

Am Campus stehen drei Polizisten in marineblau, sie tragen Schiffchenmützen. So eine hatte mein Papa auch einmal, nur von der Bundeswehr, also in olivgrün. Man konnte die Mütze einfach einklappen, zusammenfalten, wegpacken. Damals war das, im Keller. Wir nannten den Ort Hobbyraum.

Am Campus stehen drei Polizisten, sie stehen in einer Reihe hinter dem dunkelblauen Wagen, den sie angehalten haben. Im Auto – Marke nicht erkannt – sitzt ein Mann, er telefoniert. Hinter dem Wagen stehen die drei Polizisten, in einer Reihe, mitten auf der Straße, als wären sie aus einem Comic gefallen, nein auf französisch: aus einem BD. Zwei schlank, einer korpulent. Der eine Schlanke, leicht gekrümmte Haltung, schaut in die Luft, der andere trägt eine Brille, der korpulente hat sich von den beiden abgewandt, beugt sich nach vorne und spricht in sein Funkgerät. Er hat den Führerschein des Mannes in dem dunkelblauen Wagen in der Hand und gibt die Daten durch, wegen der Sonne kann er aber nicht alles lesen. Er versucht, sich selbst Schatten zu spenden, während die anderen zwei in die Luft starren und der Mann im Auto telefoniert.

Manchmal, da wünschte ich, ich wäre Comiczeichnerin. Da zerreißt es mir das Herz, das ich nicht anständig erzählen und noch weniger zeichnen kann.

Die drei Polizisten haben mich an die drei Fahrkartenkontrolleure erinnert, die ich jedes Mal sehe, wenn ich abends unterwegs bin. Sie kontrollieren fast täglich, in jedem Fall im vorletzten und im letzten Bus, der aus der Stadt zum Campus fährt. Meist steigen sie an der Haltestelle Branly zu, der Bus muss dann solange warten, bis sie alle überprüft haben. Vor einer Woche warfen sie einen Obdachlosen hinaus, er trägt seinen Hund in einer Sporttasche, wenn er mit dem Bus fährt. Am Samstag hatte dieser Mann eine Busfahrkarte und der Hund war ganz still. Die drei Fahrkartenkontrolleure müssen sehr wahrscheinlich noch andere Busse kontrollieren. Dafür haben sie einen weißen Pickup, mit dem sie vor den Bussen herfahren. Sie sind immer zu dritt und sehen aus wie Klischee-Türsteher. Ich könnte sie nicht zeichnen, ich kann mir ihre Gesichter nicht merken und wenn ich an Türsteher denke, fällt mir als Erstes die Folge von King of Queens ein, in der Doug und Carrie versuchen, in einen Club zu kommen. Und die Folge, in der Doug selbst Türsteher ist, aber da habe ich keine Ahnung, welche Staffel das ist.

Les carottes

21/09/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Mit karottengefärbten Fingern schreiben, das ist etwas, was ich mag. Das bringt mich einer Krankheit nahe, vielleicht wieder der Gelbsucht – und was ist dann das Schreiben anderes als eine Krankheit? Der Rücken versteift sich, irgendwo verknoten sich Muskeln oder Bandscheiben oder einfach Körperpartien. Der linke Fuß schläft ein, im Kopf hämmert’s: Keine Lust, keine Lust, leg dich ins Gras, ins Bett, ins Schwimmbadbecken. Was soll das denn? Denken! Ich könnte auch einfach einen Ball gegen die Wohnheimhauswand kicken, immer und immer wieder, bis diese Staubporträts an der Fassade entstehen, so wie ich es vorgestern gesehen habe. Dabei verausgabt man sich zumindest – und schafft irgendwie Kunst. Ich könnte mich auch zu den Kerlen (les mecs) draußen stellen, die sich einen Rugbyball zu werfen und dabei singen. Hier wird sowieso viel gesungen. Haupstächlich von jungen Studenten. Denn das hier ist  Boygroup-Land und Mädchen sind nette Beigaben.

Schon wieder so 'ne Text-Bild-Schere. Foto von mir.

Schon wieder so ’ne Text-Bild-Schere. Quasi-Übersetzung s.u. Foto von mir.

Abgesehen davon, fällt hier Studieren unter gelernten Bedingungen schwer. An der Uni kann man nur kopieren. Keine Möglichkeit, zu scannen. BDs (bande dessinée = Comics) darf man sich nicht ausleihen, nur im Foyer der BU (bibliothéque universitaire) lesen. Während die Erasmusstudenten in einem geschlossenen Vorstellungs(teufels)kreis feststecken (Bonjour, je m’appelle...), husten sich die französischen Studenten das kurze Leben aus dem Leib (zumindest einer, und zwar einer auf meinem Gang).

Dass ich hier noch eine Hausarbeit für meine Heimatuniversität schreiben muss, ist vielleicht der Grund für alles, was ich tue und für nichts.  Sonst würd‘ ich auch gar nicht auf die Idee mit den Karotten kommen. Oder überhaupt.

*freie Übersetzung (keine Gewähr für irgendwas):

Nachdem Sie sich bei mir bedient haben,
und ich Klasse besitze,
spülen Sie
und
da ich auf mein Äußeres bedacht bin,
benutzen Sie die Klobürste.
Gezeichnet: die Kloschüssel

Wahn Goege

17/09/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Erster Uni-Tag und Wohnheim-Notizen, kurz.

Der Mund der Dozentin ist ein schwarzer, großer Mikrobausch. Den Satz habe ich schon mal in ähnlicher Form verwendet – in einer Lesungskritik über Sibylle Lewitscharoff, da war der Bausch allerdings blau. Die Nase der Lewitscharoff hat sich darin verhakt wie etwas, das sich gerne mal verhakt – ein Kleiderbügel oder Ähnliches – während die Nase der Dozentin frei über dem Bausch schwebt. Die Dozentin sitzt auf der Bühne. Der Mac neben ihr macht kein Geräusch. Im Auditorium befinden sich alle anderen, Kugelschreiber klicken auf Papier. Ein Meer aus gleichwippenden Köpfen, hauptsächlich brünett oder aschblond – schauen nur auf, wenn sie den Künstlernamen nicht verstanden haben. Wahn Goege. – Quoi?

Université de Picardie Jules Verne. Zufallsfoto ohne Fokus und Ambition von mir.

Université de Picardie Jules Verne. Zufallsfoto ohne Fokus und Ambition. Aufnahme von mir.

Der Dozent im Theaterseminar: ein Vagabund. Schichtenbekleidung, braun gefärbt. Auch der Hut – den er während des Seminars nicht abnimmt, denn der Hut gehört zu seinem Outfit – verwaschen braun. Graumeliertes Haar, Gourmet-Wanst, Erzählerstimme. Spricht punktuell, möchte wissen, was wir werden wollen. Acteur ou actrise, enseignant ou enseignante, écrivain ou écrivain*? Ich denke, wo sind wir denn hier? Da fällt mir ein: Licence, 2ième année. Danach 15mal Victor Hugos „Le mot“ gelesen. Laut und von jedem einzeln. Das nächste Mal wird sich dabei auf ein Podest gestellt.

Heute ist der Regen kleidungshaftend und der Wind wie der Franzose, der ständig an die Tür seines Zimmernachbars klopft und nicht einsehen will, dass der nicht da ist.

Gestern hat ein anderer Chicken Wings in einem Nudeltopf frittiert und meine Gurke angeschaut, als sei sie sein größter Feind. Ein weiterer kocht täglich in Boxershorts, er trägt dabei In-Ear-Kopfhörer und hält mir pflichtbewusst die Tür auf, wenn ich mit Topf, Pfanne, Waschbütt, Gemüse, Gewürzen und Nudeln unterm Kinn die Gemeinschaftsküche verlassen will.

*écrivaine wird laut leo.org nur im kanadischen Französisch verwendet, in Frankreich eher selten

Le système (Ex.1)

12/09/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Heute Morgen dachte ich noch, es sei passiert. Dieses bisschen mehr Einssein mit den Franzosen und mir. War zwar anstrengend der Start, aber jetzt ist doch gut. Jetzt mögen wir uns alle… Ja, Pustekuchen!

Eigentlich war ich ja schon d’accord damit, dass die Termine für die Seminare erst Ende dieser Woche oder vielleicht auch erst am Montag (Beginn der Vorlesungen) an den Schwarzen Brettern der einzelnen Fakultäten aushängen werden und es kein gesammeltes Vorlesungsverzeichnis gibt, geschweige denn die Möglichkeit, die Kurse online einzusehen. Ich bin nicht hier, um mir den emploi du temps (= Stundenplan) vollzuhauen. Als Erasmus-StudentIn darf man hier eigentlich in jeden Kurs rein, den man interessant findet, zumindest theoretisch, aber wen kümmert’s, also geschenkt. Ein bisschen laissez-faire, ein bisschen comme ci comme ça.

Dann heute Mittag, der Tropfen auf dem heißen Stein, die stille Apokalypse, das Fegefeuer für jeden Klaustrophobiker: die Einschreibung für die Sportkurse.

An der Uni in Amiens sind die Sportkurse für Studenten gratis, das ist wohl nicht üblich, das wurde laut angepriesen. Außerdem soll Sportmachen auf eigene Faust vergleichsweise teuer sein. Um 15h sollte die Einschreibung beginnen – für alle Interessierten und alle Sportstudenten. Die Anzahl der Kurse, die man auswählen konnte, war nicht limitiert, es galt die Regel: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Um 14h35 standen (geschätzt) 200 Studenten vor und in der Sporthalle, die sich auf dem Campus befindet. Es dauerte fast eine Stunde, bis man in der Halle, in der die Einschreibung von statten ging, ankam.

Ich dachte an Fälle von Massenpanik. Foto von mir.

Zeitweise dachte ich an bestimmte Fälle von Massenpanik. Foto von mir.

Ein wenig war das wie Schlangestehen an einem heißen Tag im Freizeitpark vor der Achterbahn – und zwar die mit fünf statt drei Loopings. Es waren tatsächlich aber nur 18°C und die Achterbahn bestand aus einem Zelt im Inneren der Sporthalle. An jeder Kante saß ein Sportlehrer und führte die Listen für die jeweiligen Sportarten. Badminton, Tennis und Squash gehörten beispielsweise zu einer Kategorie, Aerobic, Bodyforming und Stretching zu einer anderen. Sportstudenten höheren Semesters standen vor dem Zelt und versuchten, die reindrängende Masse zu navigieren.

Was der Franzose nicht kennt…

Ich kam mir vor, wie an einer Losbude oder vor einer Bank am Tag X. Da wurde gezogen, gedrängelt, geschoben. Alles in stiller, fast gleichmütiger Manier, jedoch immer auf den eigenen Vorteil bedacht. Die Warteschlangen gingen auch einfach nicht voran, weil sich ständig neue Studenten in die Seiten schoben oder die, die vorne standen, gerade auch ihre zehn Freunde auf die Listen eintrugen. Am schlimmsten aber war, dass von den acht Lehrpersonen nur zwei ihre Laptops dabei hatten. Der Rest schrieb sich die Matrikelnummern und die Namen einzeln auf. In säuberlicher Handschrift, also langsam. Jeder der Studenten wurde auch noch mal gefragt, ob er den Kurs benotet haben wollte oder nicht. Wenn ja, dann gab es einen gelben Zettel, wenn nein, einen blauen. Die blauen gingen sehr schnell aus.

Dieses Ding mit der Bürokratie

Mit diesen Zetteln muss man kommende Woche in die jeweiligen Kurse, um den Trainern zu zeigen: Ja, ich will wirklich. Bevor man aber tatsächlich teilnehmen kann, muss man vorher noch zum Amtsarzt, der bescheinigen muss, dass man auch fit ist, bzw. wenn man mal doch einen Herzanfall oder Ähnliches erleiden sollte während der Sportstunde, dann ist nicht die Uni Schuld. Für diesen Arztbesuch benötigt man noch mal Zeit, vielleicht Geld und seinen Impfpass.

Dass man hier nicht in der Lage ist, dieses System mal zu überdenken, um es vielleicht mal soweit zu bringen, über die Möglichkeit nachzudenken, eine Seite zu entwickeln, mit der man sich online einschreiben könnte (ist ja jetzt auch nicht mehr so neu), das ist schon unfassbar. Einerseits hat man hier kaum die Möglichkeit, seine Studentenkarte – die gleichzeitig als Mensa-, Bibliotheks-, Kredit- und Waschmaschinenkarte benutzt werden muss (!) – mit etwas anderem als der Carte Bleu aufzuladen (= man benötigt dafür ein französisches Bankkonto), andererseits muss man hier jedem Zettel hinterhereiern, der einem versprochen wird, denn Kopieren kostet Geld (= Studentenkarte = Carte Bleu) und Scannen ist an der Uni nicht möglich.

Gegen 17h15 kippte übrigens ein Mädchen zwischen den Wartebereichen Danse und Power Kite um. Ein paar Sportstudenten trugen sie hinaus.

 

 

 

Le même

10/09/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich dachte, es wäre nicht möglich, aber am frühen Morgen verlief ich mich in Amiens. Der Bus hielt, wo er nicht halten sollte – zumindest nach meiner geographischen Einschätzung, auf die ich mich eigentlich verlassen kann (also, ich will nicht übertrieben, aber die ist echt gut) – und der Wind borstete durch mein dünnes Haar. Irgendwo am Wasser sollte sie sein, die Kunst-Fakultät. Am Wasser lag aber nur ein Technologie-Institut und Hundekacke. Das ist hier echt ein Problem, also das mit der Kacke. In den Gassen, vor den Restaurants, neben den Müllcontainern – überall liegen sie, in großen oder platten Haufen, im Gras halb versteckt oder offen mit Schuhabdruck, alle sehr individuell. Ich dachte schon daran, ein Hundekacke-Fotoprojekt (AT: Spotting Amiens) zu starten, aber das gibt’s wahrscheinlich schon und eine talentierte Fotografin bin ich ja nun auch nicht.

In der Nähe verlief ich mich. Foto von mir.

In der Nähe verlief ich mich. Foto von mir.

Auf der Suche nach der Fakultät ging ich durch einen kleinen Park, Morgentau noch hier und da (und Hunde), und fand nicht mehr hinaus, was mich nur minimal beunruhigte, wegen der Deutschen und ihrem Wald und so, bis ich auf ein Pärchen traf. Ich überlegte schon, sag‘ ich Je cherche… oder soll ich ’ne Frage draus machen, Pardon où… da sagte er: Pardon nous cherchons la faculté des Arts. Pfff.

Ich nenne es: Mitbringsel aus der Fac des Arts. Foto von mir.

Ich nenne es: Mitbringsel aus der Fac des Arts. Foto von mir.

Das Auditorium war voll, der Professor, der vorne am Mikro stand, sagte immer wieder last but not least, enden konnte er aber nicht. An der Kunst-Fakultät, das habe ich schnell gemerkt, ist es cool, englisch zu sprechen. Nicht so wie an der Fac des Lettres. Da war alles still und geordnet, die Lehrkräfte trugen gebügelte Kleidung und hier habt ihr das Vorlesungsverzeichnis, wählt lateinisch oder griechisch, sonst macht, was da steht. Bei der Kunst, ach bei der Kunst, was soll ich sagen. Das ist Hildesheim. Der Apple-PC, königlich thronend, auf der Bühne und daneben der Prof und sein vollkommen unvorbereiteter Vortrag. Und die Erstsemester. Da waren die, die schon das haben, was man vielleicht Künstler-Attitüde nennen kann. Die alte Bundeswehrjacken trugen und das ganze individuelle Zeugs oder sich dem ganzen individuellen Zeugs einfach verweigerten und trotzdem auffielen. Die die Graffitis am Treppenaufgang mit kritischem Blick betrachteten, sofort relativierten, einkategorisierten, abwerteten, verwarfen. Da waren die Freunde der Künstler, die meistens nickten, ein wenig versonnen nachfragten, sonst aber schwiegen. Und da war der große Rest, bestehend aus Hobbymalern, Mangamädchen und Tagebuchschreibern. Da saßen sie mit ihren Kinderzimmerträumen auf dem Boden und warteten darauf, dass der Prof wirklich mal zum Ende käme. Ich kann’s ja nicht verhehlen, in Hildesheim gehörte ich zu der letzteren Sorte. Und nun, nun werde ich alles von vorne durchspielen.

 

 

 

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