Le retour

09/02/2014 § 4 Kommentare

Rückkehr, und was das heißt.

Seit ich wieder in Hannover bin, sehe ich Menschen, die ich kenne, die es aber nicht geben kann in meinem Hannover-Kontext. Sie sind mit mir gekommen, von Frankreich nach Deutschland, und ich muss aufmerksam sein. Wie viele Male in den vergangenen Wochen lief ich durch die Georgsstraße, über den E-Damm, am Lister Platz entlang und hätte beinahe eine Person angesprochen mit: Das bist doch nicht du. Nein, du bist es nicht. Ich fahre mit dem einen Finger der einen Hand an der Seite des anderen Fingers der anderen Hand entlang. Ich glaube, es sind die Zeigefinger (les index). Es kitzelt, ich weiß, ich muss zurück sein.

Möve auf Statue

Alte Statue, neue Möwe: In der Innenstadt von Hannover gibt’s jetzt seßhafte Möwen. Foto von mir.

Zurücksein ist ein unwahrer Zustand. Da ist – natürlich und unbedingterweise – die Freude. Die Freude über das Einanderwiederhaben, das Wiedereinrichtenkönnen, das Von-Grund-auf-Wohlfühlen und die Erleichterung, dass man das nicht mehr muss, dass ich das gerade nicht muss: dieses für Andere Aufmerksamsein und Rausrausrauswollenmüssen. Dann will ich doch raus, weil es so viel Neues im Alten gibt. Neue Graffitis, neue Läden, neue Kollegen, neue Handtuchrollen auf dem Theaterklo. Und Floskeln wie: Du bist ja wieder da; Wie war es?; Unser verlorenes Kind (erschreckend biblisch); Und die Franzosen? Ich merke, dass ich andere Floskeln vermisse. Floskeln wie: Bonjour mademoiselle; C’est tout?; Avec plaisir; Pas du tout; A votre santé; C’est pas la peine. Und dann, im nächsten Augenblick, ist alles vergessen. Habe ich alles vergessen. Und es fühlt sich an, als wäre ich nie fort gewesen und als wäre ich doch fort gewesen. Als hätte Hannover für 140 Tage stillgestanden und kurz vor meiner Rückkehr hätte irgendwer die neuen Kollegen auf meiner Arbeit eingestreut, noch schnell ein paar Tags unter meine Bahnbrücke gesprayt, und hätte die letzten Bäckereien in meiner Umgebung abgerissen. Das ist wirklich neu: Für anständiges Brot bin ich nun 20 Minuten unterwegs. Was mir gefehlt hat (ce qui m’a manqué): Brot. Dafür schmecken die Schokobrötchen (pain au chocolat) nicht mehr.

Zurücksein ist ein Zustand, den ich noch nicht glauben will. Das will ich nicht begreifen. Dass sich Dinge und Abläufe und Gewohnheiten nicht so schnell ändern können, wie ich mich ändern kann. Oder wie ich glaube, mich verändern zu können. Verändert zu haben. Und doch geblieben zu sein. Changer: se transformer.

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Marseille I

09/12/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Zauberwort der deutschen Erasmusstudenten ist Marseille. Andere Zauberwörter lauten: Lebkuchen, Tatort, deutsches Bier und „Ich habe regelmäßigen Kontakt mit Franzosen“.

In Marseille geht es auf und ab. In Marseille blendet die Sonne. In Marseille gibt es Schatten. In Marseille esse ich Unmengen von arabischem Gebäck, schaue schwedische Komödien und spreche in Pluralitäten. In Marseille bin ich wie die Katze ihres Nachbarns, die in Marseille ein- und ausgeht, ins oder aus dem kleinen Haus des Nachbarns, das in der kurzen Straße untergeht, d.h. ich bin daran vorbeigelaufen, aber das ist farblich bedingt.

Wo ich bin, ist Dreck. Den ich liebe, denn ich bin in Marseille. Die Sonne ist mein Eldorado und der wolkenlose Himmel mein bonheur. Ich möchte all die dreckigen Fassaden fotografieren, die mich umgeben, mich überall auf dreckigen Boden setzen und Zypressen oder Palmen, Möwen und Hundehaufen sehen (Hunde sah ich selten), mich in die dreckigen Winkel der Stadt verlaufen und die einzige Frau weit und breit sein, die keinen Freier sucht (was mir passiert ist).

Möwen am Vieux Port. Foto von mir.

Möwen am Vieux Port. Foto von mir.

Weihnachten passt nicht nach Marseille, die chalets des marché de Noël stehen am Vieux Port, dem Meer abgewandt. Sie wirken wie kleine Fischerhäuschen, die Möwen warten auf churros. Marseille ist keine Winterstadt. Die Häuser fallen südlich und wirken beige. Ich glaube auch nicht an die Kälte und rede vom Mistral, als sei er ein Mythos.

Auf dem Weg zur Vieille Charité gerate ich in ein Labyrinth aus norditalienischen Hangstraßen (ich denke an Genua), in denen stellenweise Haufen – bestehend aus Kindern, Schulranzen und Eltern – die Straße blockieren. Die Haufen telefonieren, suchen ihre Kinder oder einen Lehrer und haben Zeit (ich denke an Genua). Zweimal passiere ich die Haufen, denn ich freue mich, an Genua gedacht zu haben.

Ce n’est pas un domaine très vaste

20/11/2013 § Ein Kommentar

Ein Marienkäfer lebt bei mir. Er muss einer dieser eingewanderten Käfer sein, auf dem Buckel ist er fast schwarz. Ich kann ihn verstehen, ich lasse Krümel liegen und Wasserpfützen. Gestern wollte er sein wie ich. Das habe ich nicht gemerkt. Er saß auf dem Stuhl und dann saß ich da auch. Seitdem bewegt er sich nur noch langsam. Die Krümel vor ihm hat er nicht angerührt. Ich glaube, die Japaner nennen das Karōshi (Tod durch Überarbeiten). Vielleicht will er aber nur einen langen Inemuri machen (jap. anwesend sein und schlafen). Ich hoffe, es endet nicht mit einem Harakiri (rituelle Selbstötung durch Messer in Bauch, Ursprung: Japan, Begriff wird eher in Europa gebraucht).

Andere Faszination, die sich gerade bei mir auf tut: Sammeln von deutsch-französischen Literaturzitaten.
Bsp: „Das ist ein zu weites Feld“ – „C’est un domaine très vaste“ (Effi Briest)

Im Sprachkurs suchen wir Objekte. Bei briquet (Feuerzeug) sind die Raucher am schnellsten.

In der Wohnheimküche feiern wir Geburtstag bis die Hausverwaltung kommt.

Eine Erfurterin macht mir die Krämerbrücke schmackhaft. Ich kann nicht anders, ich muss an die Brücke in „Das Parfüm“ von Patrick Süßkind denken.

Eine Portugiesin spricht von Porto und der Buchhandlung Lello.

Eine Tschechin erzählt von Prag.

Abends schaue ich in das Wolkenmaul am Horizont. Nur der asiatische Marienkäfer kann mein Lächeln sehen. Kein Feld ist zu weit. Nicht für mich.

Le pré humide et le trottoir

10/11/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Assoziative Notizen:

Nach einer Woche Regen scheint die Sonne (an einem Sonntag – konsequent, die Picardie). Zur Feier des Tages gönne ich mir ein weichgekochtes Ei zu Beatles-Remastered-Musik. Ich glaube, Bussarde am blendend-blitzenden Himmel zu sehen. Oder sehr große Fledermäuse. Die Erde ist flach und bald tragen die Bäume keine Blätter mehr. Naturdichter verstehe ich immer noch nicht, aber mittlerweile kann ich ihre Faszination für Landschaften, Winde und Wolkenformationen nachvollziehen.

Die Logistik-Pläne der Stadt Amiens verstehe ich ebenfalls nicht, es amüsiert mich aber jedes Mal aufs Neue, wenn irgendwo – scheinbar willkürlich – ein Straßenabschnitt oder ein Loch ins Trottoir gebohrt wird, obwohl es keine sichtbaren Makel gibt. Die Baustellen bestehen meist eine Woche, dann sieht alles aus wie vorher. Selbst Unebenheiten bleiben bestehen. Folgt man dem Busweg zum Campus, landet man plötzlich im Gras. Das Trottoir hört einfach auf zu existieren, es geht nahtlos über in feuchte Wiese (le pré humide), die viel zu perfekt und viel zu grün ist, als dass sie natürlich gewachsen sein kann. Auf dieser Wiese gibt es eine Bushaltestelle und ein Zebrastreifen schlängelt sich aus der Wiese hinaus auf die Straße. Ein paar Meter weiter rechts entsteht ein Neubaugebiet hinter einem Quick Restaurant mit einem scifi-portalhaften Drive-in und vor leerstehenden Studentenwohnheimen der alten Résidence du Bailly, die eins zu eins einige Meter weiter wieder aufgebaut wurden. Die verwaisten Gebäude haben zerstörte Fenster, Graffiti und Einschusslöcher im Inneren. Bauzäune riegeln den Zugang ab, man kommt trotzdem rein. Alle paar Wochen ist die Feuerwehr da. Ob zur Übung oder zum Einsatz – ich kann es nicht sagen. Irgendjemand hat das Gerücht in die Welt gesetzt, es gäbe ab und an illegale Studentenpartys in den sicherlich asbest-getränkten Anlagen, bislang habe ich aber nur Schatten von verfilzt aussehenden Männern gesehen. Gestern Nacht hörte ich Reste von Techno-Musik. Es könnte aber auch aus dem bewohnten Gebäude nebendran gekommen sein.

Samstagsnachts ist in der Gegend um den Campus und den Studentenwohnheimen niemand auf der Straße. Die einheimischen Studenten sind bei ihren Familien, die ausländischen Studenten sind in der Stadt (mit 80%iger Wahrscheinlichkeit in der Baobar unterhalb der Kathedrale) oder halten sich in den Foyers ihrer Wohnheime auf, waschen Wäsche oder quetschen sich zu fünft oder zu sechst in ihre 9-Quadratmeter-Zimmer. Nur zum Rauchen gehen sie vor die Tür.

Der Mainzer erzählt, eine Französin habe ihm versichert, Amiens sei eine der teuersten Städte in Frankreich. Wenn wir ausgehen, nippen wir an unseren 5€-Bieren, meistens belgischen Ursprungs.

Ausstellungseröffnung zum Filmfestival im Maison de la Culture mit Elektro-DJ, Stars und Wein.

Ausstellungseröffnung während des Filmfestivals im Maison de la Culture mit Elektro-DJ, Bidern von Filmstars und Wein. Foto von mir.

Zur Zeit findet das 33. Festival du Film d’Amiens statt. Neben den Wettbewerbsfilmen (Lang-, Mittellang- und Kurzfilme) gibt es eine Woche lang jede Menge Retrospektiven (bisher gesehen: Wild Boys of the Road (USA, 1933) und Outsiders (USA, 1983)). Im Maison de la Culture, dem Festivalzentrum, fühle ich mich zu Hause. An der Theke steht ein Festivalmitarbeiter mit Glatze, spitzer Nase, weißem Russenbart und ärmellosem Shirt. Er wird von einer blauen Neonlichterkette gerahmt, die ober- und unterhalb der Theke angebracht ist. Links hinter ihm wärmt eine Tischlampe mit breitem Lampenschirm sein Gesicht, rechts hinter ihm lächelt Morgen Freeman auf einem Poster. Er hat Sirup da und mischt ihn mit Soda. Es sprudelt. Ich trinke gerne. In den roten Sofas um die Theke herum kann man für Stunden versinken und diesen wunderbaren cinéphilen Menschen, die so sehr meiner Vorstellung von Pariser Intellektuellentum und vornehmer Lässigkeit entsprechen, zusehen und zuhören. Neben den Toiletten, in denen zwei Mädchen Bonsoir und Bonne soirée wünschen, stehen englischsprechende Frauen. Sie tragen weite Leinenkleider und gestickte Schals und reden über die Filmsprache von Francis Coppola. Ich mag sie. Ich mag den Ort, das Festival, das entspannter nicht vonstatten gehen könnte, ich mag es, dass während der Filmvorführung der Film reißt und alle anwesenden Mitarbeiter des Festivals zum Filmvorführer laufen. Nicht rennen, on a du temps. Während wir warten, werden Fotos gemacht. Und danach gibt es einen vin rouge. Ich mag das, ich könnte mich reinlegen in diese Atmosphäre, zwischen diese Menschen, denen man ansieht, dass sie Filme ernst nehmen, dass sie Denker sind und Diskutierer. Am Ende verpasse ich den Bus und laufe über Trottoirs, die zu Wiesen werden. Aber das ist ja auch schon sehr filmisch.

Sans mots

03/11/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Ohne Worte bereisen wir die Gegend.  Lille, Paris (PARIS!), Boulogne-sur-Mer, Calais und wieder Lille. Mein Stift liegt versteckt im Rucksack, ich fühle mich gut. Wir machen Fotos, die Familie kommt vorbei. Vertrautes stellt sich ein. Ich lese Stefan Ulrichs adjektiv- und fremdwortüberlasteten aber fröhlich-distinguierten Bericht über sein Korrespondentenjahr in Paris. Außerdem denke ich darüber nach, einen Linie-4-Text für Annett Gröschner zu schreiben – obwohl oder gerade weil die Linie 4 in Paris eine Untergrundbahn ist. Und obwohl ich nur eine Richtung bis zum Ende gefahren und ausgestiegen bin (Porte de Clignancourt). Konsequent war ich ja noch nie. Und auch nicht gut im Aphorismenmerken. Dabei bringt Paris die schönsten Aphorismen in uns hervor. Und das schlimmste Fieber. In Amiens halten wir blaue Streifen in den Park. Um 18 Uhr ist es Nacht. Ohne Worte treten wir den Rückweg an.

Lille

Boulogne-sur-Mer, Calais, Lille – Geschäftseinblicke. Fotos von mir.

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Un rêve

10/10/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

…und dann gehe ich zum Coiffeur – denn in Frankreich heißen die noch so – und sage Bonjour monsieur, ich dachte da an eine Typveränderung. Bitte machen Sie aus mir Françoise Hardy. Aber bitte die Françoise aus dem Jahr 1962, keine andere.

Und der Coiffeur schaut mich an, streicht sich über seine Halbglatze, dann über seinen weißen Kittel (der Salon ist leer, das Leder der Stühle gerissen, draußen gehen Menschen vorbei, die keine Typveränderung wollen; es liegt diese Coen-Brüder-Atmosphäre in der Luft) und sagt: Ouioui, pourquoi pas?

(und für die Leser aus Deutschland, die gemafreie Version:

http://www.youtube.com/watch?v=VXg9Gbjx3IY )

Le brouillard

07/10/2013 § 2 Kommentare

Englische Verhältnisse in Nordfrankreich. Foto von mir.

Die Straße vor Augen kaum. Nebel in Amiens Sud am Montagmorgen. Foto von mir.

Von hinten arbeitet sich die Sonne hervor, ich sitze auf der Nebelseite des Wohnheimes. Was mir die Abendsonne, ist mir auch der Nebel. Wie ein Fisch im Ozean, vielleicht auch nur ein Meer. Im Nebel ist es wie im Wald – die Begriffe hat das Märchen gepachtet. Der Nebel wird sich nicht lichten, denn der Nebel ist mein Konstrukt. Alles werde ich niederschreiben, wenn ich zurückgekehrt bin.

Wo bin ich?

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