Après le jour férié

12/11/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Nach dem Feiertag ist vor dem Feiertag.

Nachdem gestern, am 11. November 2013 (Armistice – Gedenktag zum Ende des Ersten Weltkrieges), so ziemlich alles geschlossen hatte, was man nur schließen kann und französische Flaggen überall da hingen, wo man nur hinsehen konnte (sogar auf den Mützen der Männer, die ihre Feiertagsspaziergänge mit ihren Terriern unternahmen), haben sich einige Einwohner von Amiens am heutigen Tag wohl extra freigenommen, um ihre leeren Kühlschränke und Vorratsschränke – die sie als solche wohl nicht benutzen – aufzufüllen, nachdem sie bereits Freitag einen ganzen Tag benötigten, um alles für das Feiertagswochenende einzukaufen.

Im großen supermarché gegenüber des Wohnheimes ging es demnach zu wie auf der New Yorker Börse. Also die New Yorker Börse, die Hollywood in seinen 90er-Jahre-Familien-Filmen – wie Aus dem Dschungel, in den Dschungel (Original: Jungle 2 Jungle, USA 1997) mit Tim Allen – dem Publikum suggerierte. Füße, Knie, Ellbogen und diverse Taschen hatte ich am Schienbein, am Oberschenkel, am Unterarm, im Gesicht. Zwischen Menschen, die Berge von Klopapierrollen, Badreinigern und Steak hachés in ihre Wagen packten, hielt ich mein Brot tapfer umklammert. Viele kauften mit der ganzen Familie ein, viele hielten den Prospekt der aktuellen Woche in den Händen, der – ausgebreitet – genauso groß war wie die Einkaufswagen lang. Auch habe ich gelernt: Um Baguettes kann man sich streiten. Der Courrier Picard titelte mit einem Bombenfund irgendwo in der Region, interessiert hat es die wenigsten. Zum ersten Mal schien es mir die Kassiererin auch übel genommen zu haben, dass ich in bar (en espèce) zahlte. Dafür war im Spielzeugbereich wenig los. Seit Wochen existiert hinter den Kassen eine Weihnachtsbaracke. In dieser Baracke – deren Mitte ein künstlicher, silbern leuchtender Baum schmückt – gibt es Spielzeugwaffen, lebensgroße Barbiepuppen und diverse Brettspiele für jedes Alter. Entweder zerren Kinder ihre Eltern nach oder vor dem Einkauf in dieses rosa-blau-silbern-strahlende, rechteckig-terminierte Weihnachtsirgendwas hinein oder erwachsene Menschen ziehen einsam und ratlos durch die Gänge (vorwiegend Männer mittleren Alters). Gekauft wird immer.

In der Innenstadt ist die Weihnachtsbeleuchtung auch schon komplett. Nur eingeschaltet wird sie noch nicht. Das ist abends sehr schön. Wie verklumpte Spinnweben ziehen sich die Lichterketten durch die Stadt. Wäre nicht alles so sauber, es hätte einen verruchten Charme.

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Le pré humide et le trottoir

10/11/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Assoziative Notizen:

Nach einer Woche Regen scheint die Sonne (an einem Sonntag – konsequent, die Picardie). Zur Feier des Tages gönne ich mir ein weichgekochtes Ei zu Beatles-Remastered-Musik. Ich glaube, Bussarde am blendend-blitzenden Himmel zu sehen. Oder sehr große Fledermäuse. Die Erde ist flach und bald tragen die Bäume keine Blätter mehr. Naturdichter verstehe ich immer noch nicht, aber mittlerweile kann ich ihre Faszination für Landschaften, Winde und Wolkenformationen nachvollziehen.

Die Logistik-Pläne der Stadt Amiens verstehe ich ebenfalls nicht, es amüsiert mich aber jedes Mal aufs Neue, wenn irgendwo – scheinbar willkürlich – ein Straßenabschnitt oder ein Loch ins Trottoir gebohrt wird, obwohl es keine sichtbaren Makel gibt. Die Baustellen bestehen meist eine Woche, dann sieht alles aus wie vorher. Selbst Unebenheiten bleiben bestehen. Folgt man dem Busweg zum Campus, landet man plötzlich im Gras. Das Trottoir hört einfach auf zu existieren, es geht nahtlos über in feuchte Wiese (le pré humide), die viel zu perfekt und viel zu grün ist, als dass sie natürlich gewachsen sein kann. Auf dieser Wiese gibt es eine Bushaltestelle und ein Zebrastreifen schlängelt sich aus der Wiese hinaus auf die Straße. Ein paar Meter weiter rechts entsteht ein Neubaugebiet hinter einem Quick Restaurant mit einem scifi-portalhaften Drive-in und vor leerstehenden Studentenwohnheimen der alten Résidence du Bailly, die eins zu eins einige Meter weiter wieder aufgebaut wurden. Die verwaisten Gebäude haben zerstörte Fenster, Graffiti und Einschusslöcher im Inneren. Bauzäune riegeln den Zugang ab, man kommt trotzdem rein. Alle paar Wochen ist die Feuerwehr da. Ob zur Übung oder zum Einsatz – ich kann es nicht sagen. Irgendjemand hat das Gerücht in die Welt gesetzt, es gäbe ab und an illegale Studentenpartys in den sicherlich asbest-getränkten Anlagen, bislang habe ich aber nur Schatten von verfilzt aussehenden Männern gesehen. Gestern Nacht hörte ich Reste von Techno-Musik. Es könnte aber auch aus dem bewohnten Gebäude nebendran gekommen sein.

Samstagsnachts ist in der Gegend um den Campus und den Studentenwohnheimen niemand auf der Straße. Die einheimischen Studenten sind bei ihren Familien, die ausländischen Studenten sind in der Stadt (mit 80%iger Wahrscheinlichkeit in der Baobar unterhalb der Kathedrale) oder halten sich in den Foyers ihrer Wohnheime auf, waschen Wäsche oder quetschen sich zu fünft oder zu sechst in ihre 9-Quadratmeter-Zimmer. Nur zum Rauchen gehen sie vor die Tür.

Der Mainzer erzählt, eine Französin habe ihm versichert, Amiens sei eine der teuersten Städte in Frankreich. Wenn wir ausgehen, nippen wir an unseren 5€-Bieren, meistens belgischen Ursprungs.

Ausstellungseröffnung zum Filmfestival im Maison de la Culture mit Elektro-DJ, Stars und Wein.

Ausstellungseröffnung während des Filmfestivals im Maison de la Culture mit Elektro-DJ, Bidern von Filmstars und Wein. Foto von mir.

Zur Zeit findet das 33. Festival du Film d’Amiens statt. Neben den Wettbewerbsfilmen (Lang-, Mittellang- und Kurzfilme) gibt es eine Woche lang jede Menge Retrospektiven (bisher gesehen: Wild Boys of the Road (USA, 1933) und Outsiders (USA, 1983)). Im Maison de la Culture, dem Festivalzentrum, fühle ich mich zu Hause. An der Theke steht ein Festivalmitarbeiter mit Glatze, spitzer Nase, weißem Russenbart und ärmellosem Shirt. Er wird von einer blauen Neonlichterkette gerahmt, die ober- und unterhalb der Theke angebracht ist. Links hinter ihm wärmt eine Tischlampe mit breitem Lampenschirm sein Gesicht, rechts hinter ihm lächelt Morgen Freeman auf einem Poster. Er hat Sirup da und mischt ihn mit Soda. Es sprudelt. Ich trinke gerne. In den roten Sofas um die Theke herum kann man für Stunden versinken und diesen wunderbaren cinéphilen Menschen, die so sehr meiner Vorstellung von Pariser Intellektuellentum und vornehmer Lässigkeit entsprechen, zusehen und zuhören. Neben den Toiletten, in denen zwei Mädchen Bonsoir und Bonne soirée wünschen, stehen englischsprechende Frauen. Sie tragen weite Leinenkleider und gestickte Schals und reden über die Filmsprache von Francis Coppola. Ich mag sie. Ich mag den Ort, das Festival, das entspannter nicht vonstatten gehen könnte, ich mag es, dass während der Filmvorführung der Film reißt und alle anwesenden Mitarbeiter des Festivals zum Filmvorführer laufen. Nicht rennen, on a du temps. Während wir warten, werden Fotos gemacht. Und danach gibt es einen vin rouge. Ich mag das, ich könnte mich reinlegen in diese Atmosphäre, zwischen diese Menschen, denen man ansieht, dass sie Filme ernst nehmen, dass sie Denker sind und Diskutierer. Am Ende verpasse ich den Bus und laufe über Trottoirs, die zu Wiesen werden. Aber das ist ja auch schon sehr filmisch.

Sans mots

03/11/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Ohne Worte bereisen wir die Gegend.  Lille, Paris (PARIS!), Boulogne-sur-Mer, Calais und wieder Lille. Mein Stift liegt versteckt im Rucksack, ich fühle mich gut. Wir machen Fotos, die Familie kommt vorbei. Vertrautes stellt sich ein. Ich lese Stefan Ulrichs adjektiv- und fremdwortüberlasteten aber fröhlich-distinguierten Bericht über sein Korrespondentenjahr in Paris. Außerdem denke ich darüber nach, einen Linie-4-Text für Annett Gröschner zu schreiben – obwohl oder gerade weil die Linie 4 in Paris eine Untergrundbahn ist. Und obwohl ich nur eine Richtung bis zum Ende gefahren und ausgestiegen bin (Porte de Clignancourt). Konsequent war ich ja noch nie. Und auch nicht gut im Aphorismenmerken. Dabei bringt Paris die schönsten Aphorismen in uns hervor. Und das schlimmste Fieber. In Amiens halten wir blaue Streifen in den Park. Um 18 Uhr ist es Nacht. Ohne Worte treten wir den Rückweg an.

Lille

Boulogne-sur-Mer, Calais, Lille – Geschäftseinblicke. Fotos von mir.

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Le radeau de la Méduse

18/10/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Bevor das Vergessen eintritt oder der Nebel endgültig durch Fenster und Augen gedrungen ist, rette ich noch schnell mein Floß.

Le radeau de la Méduse (Das Floß der Medusa), ein Gemälde von Théodore Géricault aus dem Jahr 1819, schaukelt mir seit Samstagnacht im Kopf herum. Aber eigentlich habe ich es gesehen. Es war schon da, als ich gegen 4 Uhr ins New Dreams kam und den Boden betrachtete, denn der Boden war anders als im Carré de la République oder im La Lune des Pirates. Im Carré und im La Lune hätte man bei musikloser Stille die stampfenden Schritte der tanzenden Gäste platschen hören können – bei der Menge an Bier, die auf den dunklen Teppichböden landete und nach kurzer Fleckenerscheinung verschwand.  Im New Dreams nicht. Im New Dreams gibt es schwarzen Laminatboden, oder etwas in der Art, und man kann die Bierpfützen auch Stunden nach den petits malheurs noch sehen – und spüren. Das Bier klebt an den Füßen derer, die ekstatisch tanzen. Nach reiflicher Überlegung und Beobachtung kam ich in der Nacht zum Sonntag zu dem Schluss, dass der Boden eine Frage des Klientels und der Musikausrichtung der Clubs sei – die das Klientel natürlich wieder inkludiert. Demnach also lediglich eine Frage der Musik und den damit verbundenen Werte-/Welt-/Kulturvorstellungen (groß! Nächste Challenge für mich: In Clubs IMMER den Boden analysieren und pro Stadt [?] auswerten). Der harte Laminatboden gehörte zur Elektro-Fraktion. Meine Begleitung hatte das wunderschöne und einzig treffende Wort gefunden für das, was im New Dreams über die Boxen in den Raum dröhnte: Auf-die-Fresse-Elektro.

Auf-die-Fresse-Elektro mit Diskokugel und Security auf der Bühne (im Bild rechts). Foto von mir.

Auf-die-Fresse-Elektro mit Diskokugel und Security auf der Bühne (im Bild rechts). Foto von mir.

Während DJ Stéveun eine filmreife Imitation von Paul Kalkbrenner ablieferte, wuppte (ein besseres Wort habe ich jetzt nicht gefunden) ein Pulk aus jungen Menschen – jünger als irgendjemand hier – auf einem Podest vor dem DJ auf und ab, vor und zurück. Dass niemand fiel, finde ich jetzt noch bemerkenswert. Sie stachen mit den Köpfen und den Fingern in die Luft, animierten das unter sich zuckelnde Menschengelage und schrien Dinge ohne Ton. Wie Ertrinkende ohne das Bewusstsein eines Ertrinkenden. Wie die Sterbenden auf dem Floß der Medusa, nur ohne die geschichtliche Intension, das wäre jetzt zu weit gegriffen und vielleicht zu pauschal. Überall anders sieht es ja genauso aus beim Tanzen und Betrinken und Zuckeln und Schreien.

Servicetweet: Die nuit blanche in Amiens – innerhalb dieser Veranstaltung die Clubs geöffnet hatten – ist ein schönes Event, das man besuchen sollte, wenn man im Oktober in der Picardie unterwegs ist. Neben der Möglichkeit, ausgiebig zu tanzen, gibt es bis spät in die Nacht jede Menge (Licht-)Kunst, Performances und Musik im öffentlichen Raum.

Note olfactive

14/10/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Wohnheimabend – quasi-olfaktorische Notizen und sowas wie eine Zusammenfassung.

Im Eingangsfoyer geht gegen 21h30 der Alarm los, der Nachtwächter verlässt seinen Platz hinter der Sekretariats-Scheibe, geht – etwas leicht gebückt, als verberge er den Ansatz eines Hexenbuckels – durch eine Tür, kommt zurück und setzt sich wieder auf seinen Platz hinter der Sekretariats-Scheibe. Der Alarm ist noch immer an. Im Foyer befinden sich acht weitere Menschen. Zwei halten sich die Ohren zu, die restlichen sechs lehnen sich über die Sekretariatstheke, um mit dem Nachtwächter die Zeit zu vertreiben oder fragen sich gegenseitig nach Zigaretten oder Feuer. Ich bin kurz unsicher, ob ich meine nasse Wäsche nun in den Trockner stecken oder lieber mit den Klamotten abhauen soll. Dann denke ich mir: Es kommt, wie’s kommt und schalte den Trockner ein.

Jemand hat etwas mit viel Ziegenkäse zubereitet und davor, dabei oder danach seine Schuhe ausgezogen – der Geruch zieht durch den Gang in meinem Stockwerk.

Meine Zimmernachbarin mag offensichtlich Kerzen, die nach Wohnungsbrand riechen.

Später packe ich meine Wäsche. Die Raucher stehen jetzt vor der Tür, der Nachtwächter hat keinen Besuch mehr. Die Wäsche ist warm. Das war’s.

[Und in den nächsten Tagen: DIE Partylocation-Wo-steppen-die-Franzosen-in-Amiens-Zusammenfassung vom Wochenende]

Un rêve

10/10/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

…und dann gehe ich zum Coiffeur – denn in Frankreich heißen die noch so – und sage Bonjour monsieur, ich dachte da an eine Typveränderung. Bitte machen Sie aus mir Françoise Hardy. Aber bitte die Françoise aus dem Jahr 1962, keine andere.

Und der Coiffeur schaut mich an, streicht sich über seine Halbglatze, dann über seinen weißen Kittel (der Salon ist leer, das Leder der Stühle gerissen, draußen gehen Menschen vorbei, die keine Typveränderung wollen; es liegt diese Coen-Brüder-Atmosphäre in der Luft) und sagt: Ouioui, pourquoi pas?

(und für die Leser aus Deutschland, die gemafreie Version:

http://www.youtube.com/watch?v=VXg9Gbjx3IY )

Le brouillard

07/10/2013 § 2 Kommentare

Englische Verhältnisse in Nordfrankreich. Foto von mir.

Die Straße vor Augen kaum. Nebel in Amiens Sud am Montagmorgen. Foto von mir.

Von hinten arbeitet sich die Sonne hervor, ich sitze auf der Nebelseite des Wohnheimes. Was mir die Abendsonne, ist mir auch der Nebel. Wie ein Fisch im Ozean, vielleicht auch nur ein Meer. Im Nebel ist es wie im Wald – die Begriffe hat das Märchen gepachtet. Der Nebel wird sich nicht lichten, denn der Nebel ist mein Konstrukt. Alles werde ich niederschreiben, wenn ich zurückgekehrt bin.

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